Ich mag die Justiz nicht. Das ganze System. Nicht die Menschen, die diese Berufe ausüben, sondern die Institutionen selbst. Richter, Staatsanwälte, Strafverteidiger. Ich mag sie nicht, weil sie uns Polizisten als ihre Lakaien ansehen. Das klingt hart. Aber genau so habe ich es über Jahre erlebt.
Viele meiner Fälle bestanden nicht aus einem Geständnis oder einem eindeutigen Tatbeweis. Sie bestanden aus Indizien. Ein Puzzle von Tatsachen, die zusammen ein Bild ergeben. Und genau da hat die Justiz ein mächtiges Werkzeug: die freie Beweiswürdigung. Das Gericht entscheidet, welche Tatsachen relevant sind und welche nicht.
So kann es passieren, dass ich monatelang Tatsachen sammle. Sie hinterfrage, recherchiere, logisch verknüpfe. Der Staatsanwalt nimmt sich davon, was ihm anklagbar erscheint, und packt es nach seinem Gutdünken in eine Anklageschrift. Der Verteidiger zerzaust vor Gericht jede einzelne Tatsache, stellt alles infrage. Und der Richter erkennt, gestützt auf die freie Beweiswürdigung, fast alles davon ab. Am Ende steht der Täter frei.
Der Anruf, den ich zu oft bekam
Immer wieder erlebte ich das bei häuslicher Gewalt.
Du wirst zum Tatort gerufen. Das Opfer hat Schürfwunden, vielleicht ein blaues Auge. Der Täter hat Verletzungen an den Händen, von den Schlägen. Du nimmst den ganzen Tatort emotional mit, hörst beide Parteien getrennt an. Zeugen gibt es keine. Niemand hat etwas mitbekommen. Was bleibt, sind zwei aufgebrachte Menschen mit, in diesem Fall, leichten Verletzungen.
Damit alle Tatsachen gesichert sind, untersucht ein Rechtsmediziner die Verletzungen beider Seiten. Und dann kommt das Gutachten, das sich nicht festlegen will oder kann. Die gebrochene Nase des Opfers könnte tatsächlich davon kommen, dass sie in ihrer Rage gegen die geschlossene Tür gerannt ist. Die Schürfwunde an der Hand des Täters könnte tatsächlich davon kommen, dass er, wie er behauptet, versehentlich mit der Hand an der Wand entlanggeschrammt ist. Das klassische Sowohl-als-auch.
Ich habe den Tatort gesehen. Ich habe die Emotionen beider Parteien gespürt. Und ich war mir zu hundert Prozent sicher: Das war häusliche Gewalt.
Vor Gericht
Der Fall kommt vor Gericht. Was vorliegt, sind die Aussagen der beiden Parteien, die Aussage des Gerichtsmediziners zu seinem Gutachten und meine Berichte. Berichte, die zeigen, dass der Täter schon öfter gewalttätig war. Die das Verhältnis der Eheleute als problematisch beschreiben. Aussagen von Nachbarn und anderen Bezugspersonen, die zu Protokoll gaben, die Ehefrau habe schon mehrfach erzählt, von ihrem Mann geschlagen worden zu sein.
Und dann passiert Folgendes. Der Staatsanwalt nimmt aus meinen Berichten die Tatsachen, die er für anklagbar hält, und trägt sie dem Richter halbherzig vor. Ich sage bewusst halbherzig, so habe ich es erlebt. Der Verteidiger erklärt die Zeugenaussagen zu blossem Hörensagen und macht aus dem Sowohl-als-auch des Gerichtsmediziners ein einfaches Entweder-oder. Damit ist das Gutachten kein Beweis mehr. Dann kommt die freie Beweiswürdigung des Richters, dazu der Grundsatz in dubio pro reo, im Zweifel für den Angeschuldigten.
Was dann passiert, könnt ihr euch vorstellen. Genau gar nichts. Freispruch auf der ganzen Linie. Das Delikt könnte passiert sein. Oder auch nicht.
Und ich stehe da und weiss, dass die Geschichte genau so war, wie ich sie geschrieben und recherchiert hatte.
Vier Monate später
Wie es in einem Fall tatsächlich geschah, rückte ich vier Monate später wieder zur selben Adresse aus. Zu denselben Eheleuten.
Blut in der ganzen Wohnung. Die Frau lag in der Küche, in ihrer eigenen Blutlache, mit mehreren Messerstichen getötet. Abwehrverletzungen an beiden Armen. Zeugen, die nach ihren Schreien in die Wohnung gestürmt waren und den Mann mit dem Messer in der Hand über ihr stehen sahen.
Schon im ersten Fall hatte ich das kommen sehen. Ich wusste, dass dieser Mann gewalttätig war. Aber das Gericht hatte anders entschieden.
Jetzt ist ein Mensch tot. Und niemand, weder Richter noch Strafverteidiger noch Staatsanwalt, wird dafür zur Rechenschaft gezogen.
Ja. Das löst Ohnmacht aus.
Ich habe lange darüber nachgedacht, was Ohnmacht eigentlich von Wut unterscheidet. Wut habe ich schon geschrieben, an anderer Stelle. Wut ist Energie. Sie will etwas. Sie treibt dich nach vorn, selbst wenn sie zerstörerisch ist.
Ohnmacht ist das genaue Gegenteil. Ohnmacht ist der Moment, in dem du alles richtig gemacht hast und trotzdem keine Macht über den Ausgang hast. Du kannst nicht kämpfen gegen etwas, das dich nicht einmal als Gegner ernst nimmt.
Die freie Beweiswürdigung und der Grundsatz in dubio pro reo existieren aus einem guten Grund. Sie schützen Unschuldige davor, aufgrund von Vermutungen verurteilt zu werden. Ich verstehe das, und ich würde in einem Rechtsstaat nicht anders leben wollen. Aber in der Praxis kann genau dieser Schutz dazu benutzt werden, ein klares Bild in ein Sowohl-als-auch aufzulösen, bis am Ende nichts mehr davon übrig bleibt.
Und genau darin liegt das Lakaien-Gefühl, von dem ich am Anfang gesprochen habe. Wir Polizisten liefern die Tatsachen. Monatelange Arbeit, Befragungen, Zusammenhänge, die man Stück für Stück zusammensetzt. Aber über die Bedeutung dieser Tatsachen entscheiden andere. Wenn diese Entscheidung falsch war, wenn ein Mensch stirbt, weil das Gericht anders entschied als die Realität es verlangt hätte, trägt dafür niemand die Verantwortung ausser derjenige, der es von Anfang an gewusst hat.
Ich habe in diesem einen Fall nichts falsch gemacht. Ich habe recherchiert, dokumentiert, gewarnt, so gut ich konnte. Und trotzdem liegt eine Frau tot in ihrer Küche, und ich trage dieses Bild bis heute mit mir, während die Institution, die anders entschieden hat, einfach weitermacht.
Das ist Ohnmacht. Nicht das Fehlen von Wissen. Das Fehlen von Macht, obwohl das Wissen da war.


Genau das habe ich in meiner zweiten Ehe kommen sehen. Er hatte bei seinen Angriffen etwas Irres im Blick, war nicht mehr ganz bei sich. Ich konnte innerlich sehen, dass er als Nächstes mit dem Messer auf mich losgehen würde.
Mich die Treppe hinunterzustoßen gelang dem Herrn Dr. phil. nicht, ich konnte mich am Geländer festhalten. Auch die anderen Angriffe schlugen fehl, ich war schneller und wendiger als er.
Schmerzhaft war für mich dabei der Anblick meiner Kinder: Vier und zwei Jahre alt, verfolgten sie mit großen Augen den Kampf des Vater gegen die Mutter. Das Bild hat sich mir eingebrannt und schmerzt noch immer.
Zweimal musste ich die Polizei rufen, weil er sich mit den Kleinen im Haus verschanzt hatte. Die Polizisten waren sehr einfühlsam, gaben mir das Gefühl, mir zu glauben. Das war wichtig für mich! Endlich glaubte mir jemand!
Den Angriffen ging Psychoterror voraus, heute würde man wohl “gaslighting” sagen. Psychoterror finde treffender.
Beide Male sagten die Polizisten am Ende: “Wir können leider nichts machen. Es muss erst etwas passiert sein.” Sie mussten mich mit meiner Angst wieder alleinlassen.
Ich habe nicht gewartet, bis ich das Messer im Bauch hatte. Ich habe kurz vor Weihnachten innert einer Stunde das Nötigste für uns gepackt und bin in eine Ferienwohnung geflüchtet.
Meine Dankbarkeit gilt immer noch den unbekannten Polizisten, wohnt tief in meinem Herzen.
It’s my first time reading your story, and I found it truly heartbreaking. My heart goes out to the woman. I’m sorry that you’ve had to carry this trauma for so many years. Your writing opened my eyes and gave me a deeper understanding of experiences like this. Thank you for sharing your story.