Ich liege am Boden. Staub in der Nase, Adrenalin im Blut, und irgendwo über mir ein Gerangel aus Beinen und Schreien. Die Bereitschaftspolizei hat mal wieder die Drogenszene geräumt, so wie sie es alle paar Wochen tut, mit dem gleichen Ergebnis wie immer: Dealer und Süchtige stürmen zum Ausgang und verteilen sich in Sekunden in der ganzen Stadt. Und mittendrin ich, verdeckter Ermittler, in Zivil, ohne Ausweis in der Hand, ohne irgendetwas, das mich von den anderen unterscheidet, die gerade rennen.
Ich hatte den ganzen Vormittag einen libanesischen Drogenhändler beobachtet. Er hatte massiv rausgelassen. So nennt man den Verkauf von Kleindosen im Jargon –, einer nach dem anderen, Hand in Hand, Geld gegen Papierkügelchen. Und jetzt, mitten in der Räumung, sollte ich ihn einfach ziehen lassen? Nein. Also rannte ich los wie alle anderen, liess ihn aber nicht aus den Augen. In einem günstigen Moment stürzte ich mich von hinten auf ihn und riss ihn zu Boden. Es gab das Gerangel, das es in solchen Momenten immer gibt: Arme, Ellbogen, ein Fluchen auf Arabisch, mein Griff, der nicht lockerlassen wollte.
Und dann, aus dem Nichts, eine Polizeiassistentin. Pfefferspray in der Hand. Sie hatte mich irgendwoher erkannt, und in ihr regte sich das ehrlichste aller Gefühle: Sie wollte helfen. Sie stellte sich über uns, die wir immer noch am Boden lagen, ineinander verkeilt, und leerte ihre Dose über unseren Gesichtern. Beiden. Gleichzeitig.
Während ich kotzte und kaum noch Luft bekam, stand der Dealer auf und rannte los, ohne den kleinsten Anflug von Tränen. Ich blieb sitzen, rieb mir die Augen wie ein Idiot, kotzte, schnaubte, sah nichts mehr. Die Worte, die ich für diese Assistentin übrig hatte, will ich hier nicht wiederholen. Erstens hätte sie mich um ein Haar auffliegen lassen, mitten in einer verdeckten Ermittlung, in der meine Tarnung mein einziger Schutz war. Zweitens, und das ist der Grund, warum ich diese Geschichte überhaupt erzähle: Das war ein vollkommen falscher Einsatz von Pfefferspray. Sie hatte die Dose. Sie hatte den Mut, sich einzumischen. Was ihr fehlte, war das Wissen, wann und wie man sie benutzt. Und genau da beginnt Übermut. Nicht im Fehlen von gutem Willen, sondern im Glauben, ein Werkzeug in der Hand mache einen automatisch zu jemandem, der es beherrscht.
Warum ich nichts von Pfefferspray in Handtaschen halte
Eine Freundin meiner Frau hat mich letzthin gefragt, was ich von Pfefferspray in Frauenhandtaschen halte. Meine Antwort: rein gar nichts. Und ich erkläre auch, warum. Solche Einsatzmittel bringen in den Händen von Ungeschulten mehr Gefahr als Nutzen. Das ist keine Meinung, die ich mir am Küchentisch gebildet habe. Das ist eine Erfahrung, die ich am eigenen Leib gemacht habe, kotzend auf einem Trottoir.
Ich hatte im Dienst selbst einen Pfefferspray. Neben meiner Dienstwaffe mein stiller Begleiter, immer griffbereit, nie benutzt. Das Einzige, was ich mit meiner Dose je tun musste, war, sie nach Ablauf des Verfallsdatums zu ersetzen. Ja, Pfefferspray ist ein Naturprodukt, es verdirbt, so wie Milch. Bevor ich diese Dose überhaupt erhalten hatte, wurde ich einen ganzen Tag lang in ihrem Gebrauch geschult. Ein ganzer Tag, für ein Gerät, das man in der Hand hält wie eine Sprühflasche. Stell dir das vor. Eine Institution, die Menschen professionell auf Gewalt vorbereitet, hielt es für nötig, einen vollen Ausbildungstag in dieses eine kleine Werkzeug zu investieren. Und dann gibt es die andere Realität: Frauen gehen in ein Geschäft oder bestellen online, kaufen sich eine Dose, stecken sie in die Handtasche und fühlen sich ab diesem Moment sicherer. Das ist eine gefährliche Fehleinschätzung.
Der Einsatz von Pfefferspray muss konsequent erfolgen. Rücksichtslos, ins Gesicht, ohne Zögern. Und genau da liegt das Problem. Es gibt eine natürliche Hemmschwelle, einem anderen Menschen absichtlich und aus nächster Nähe etwas ins Gesicht zu sprühen, das brennt wie Feuer. Diese Hemmschwelle muss man zuerst überwinden, bevor man sie im Ernstfall überwinden kann. Und das geht nur mit Training. Nicht mit dem Kauf einer Dose.
Was im Ernstfall wirklich passiert
Stell dir das Szenario vor, das alle im Kopf haben, wenn sie sich eine Dose kaufen. Nachts, im Park, allein. Jemand folgt dir. Kommt näher. Du kramst die Dose aus der Handtasche, hältst sie in der zitternden Hand. Plötzlich spürst du eine Hand auf deiner Schulter. Du drehst dich um, und wenn du in diesem Moment nicht in Panik gerätst, wenn dir deine Amygdala nicht einen Streich spielt und dein Körper einfriert statt zu handeln, drückst du kurz auf den Auslöser. So, wie du Haarspray benutzt. Vielleicht triffst du seine Brust. Vielleicht sein Gesicht. Aber jetzt stehst du selbst mit ihm zusammen in der Wolke. Er ist scharfes Essen gewohnt und reagiert kaum. Wenn er genug Alkohol oder Drogen im Blut hat, reagiert er noch weniger, dafür aggressiver. Und dann kommt der Faustschlag, und du gehst zu Boden wie ein Sack. Vielleicht liegst du sogar schon am Boden, weil du selbst im Nebel gestanden hast und jetzt rotz- und wasserheulend nichts mehr siehst. Eine Flucht ist jetzt nicht mehr möglich.
Genau das ist der Moment, in dem sich zeigt, ob ein Gerät hilft oder ob es nur ein Gefühl von Sicherheit verkauft hat, das mit der Wirklichkeit nichts zu tun hatte.
Meine Kinder hatten auch Pfeffersprays. Von mir. Aber nicht einfach in die Hand gedrückt und fertig. Ich ging mit ihnen einen ganzen Tag in den Wald, und sie durften Dose um Dose leeren. Drauf drücken, bis nichts mehr kommt. Distanz einschätzen. Windrichtung beachten, denn wer gegen den Wind sprüht, vergiftet sich selbst. Und die wichtigste Lektion von allen: am besten gar nicht einsetzen. Wer einmal gespürt hat, wie eine ganze Dose sich anfühlt, wenn sie unkontrolliert in der Luft hängt, weiss, warum.
Also, mein Fazit, wenn du trotzdem eine Dose mit dir tragen willst: Überleg dir vorher, wann und wie du sie einsetzt. Geh nach draussen, stell dich vor einen Baum, ruf laut «Halt, oder ich sprühe», und leer dann die ganze Dose gegen den Baum. Wirklich die ganze Dose. Auf dem Auslöser bleiben, bis nichts mehr kommt. Und dann wegrennen, so wie du es im Ernstfall auch tun müsstest. Wer das nie geübt hat, trägt kein Sicherheitsmittel bei sich. Er trägt eine Illusion.
Was wirklich hilft
Meine Freundin hat mich dann gefragt, was ich denn sonst empfehle, wenn nicht Pfefferspray. Meine Antwort: nicht dort sein, wo die Gefahr ist. Punkt. Das klingt banal, fast enttäuschend, nach einem Ratschlag, den man niemandem verkaufen kann. Aber es ist der einzige, der wirklich funktioniert, ohne Training, ohne Ablaufdatum, ohne Windrichtung.
Nachts allein durch einen Park spazieren, muss das sein? Nein. Eines meiner Kinder hat in einer Gaststube gearbeitet und musste oft mitten in der Nacht durch unser Quartier nach Hause laufen. Ja, wohl war mir dabei nicht, auch nicht als Vater, der genau weiss, was alles passieren kann. Aber in unserem Quartier steht alle fünfzig Meter eine Strassenlaterne, es ist hell, und die Häuser stehen dicht beieinander. Und ich habe mein Kind eines beigebracht: Wenn etwas Ungewöhnliches passiert, rennen. Und schreien. Laut, wirklich laut. Lauter, als einem peinlich ist.
Übermut ist, wenn ein Stück Ausrüstung ein Sicherheitsgefühl erzeugt, das mit der Realität nichts zu tun hat. Die Polizeiassistentin an diesem Tag war übermütig. Sie sah eine Situation, die sie nicht einschätzen konnte, griff zu einem Mittel, das sie besass, aber nicht kontrolliert einsetzte, und war überzeugt, geholfen zu haben. Sie hat nicht geholfen. Sie hat einen verdeckten Ermittler kampfunfähig gemacht und einen Dealer laufen lassen. Der Unterschied zwischen ihr und den Frauen mit der Spraydose in der Handtasche ist nur die Uniform. Das Muster ist dasselbe: Man besitzt ein Mittel, glaubt deshalb, man beherrsche es, und merkt erst im Ernstfall, dass Besitz und Können zwei verschiedene Dinge sind.
Genau das meine ich mit Übermut. Nicht der Mut, sich zu verteidigen, den will ich niemandem absprechen. Sondern die Selbstüberschätzung, zu glauben, eine Dose in der Tasche mache aus einem ungeübten Menschen in einer Sekunde, unter Stress, im Dunkeln, mit zitternden Händen, jemanden, der das Richtige tut. Ein Pfefferspray verzeiht keine Zögerlichkeit. Er verzeiht keine falsche Windrichtung, keine falsche Distanz, keine halbe Ladung. Er verzeiht vor allem keine Hemmschwelle. Und die hat fast jeder, der so ein Gerät noch nie eingesetzt hat.
Was wirklich hilft, ist kein Gerät, das man kaufen kann. Aufmerksamkeit. Vermeidung. Und im Ernstfall die eigene Stimme, laut, sofort, ohne Scham. Das kostet nichts, verfällt nicht, und man kann es nicht falsch herum in der Hand halten.


Ich frage mich, ob der Placebo Effekt vielleicht dennoch hilfreich sein kann? Wenn man sich sicher(er) fühlt, tritt man meist auch sicherer auf und gegen gewisse Tätertypen soll das ja helfen. Mit Selbstverteidigungskursen ist es ja dasselbe. Die helfen ja auch absolut nichts, wenn du nicht regelmäßig übst, was du gelernt hast, und wer tut das schon? Deswegen: vielleicht sind das alles nur Mittel, um das Auftreten, die Lautstärke, die "Gefahr", die vom Opfer ausgehen könnte, zu erhöhen.
Das sind gute Tipps. Danke für die Erklärung